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Für Prophet und Führer

Ende 2017 erschien das Buch „Für Prophet und Führer”. Die Islamische Welt und das Dritte Reich des 37jährigen deutschen Historikers David Motadel, der an der London School of Economics lehrt. Das vielfach preisgekrönte Buch wurde vor vier Jahren in englischer Sprache publiziert.

David Motadel weist nach: Einige Hunderttausend Muslime kämpften während des Zweiten Weltkriegs auf Seite der Nazis. Bei der Rekrutierung und Propagierung dieser Kollaboration zeichnete sich unter vielen anderen der höchste muslimische Kleriker Palästinas, Mufti Amin al-Husseini, aus, der nach 1945 weiterhin der unbestrittene Führer der Palästinenser war. In der islamischen, insbesondere aber der arabischen Welt spielten die Probleme des Heiligen Landes eine wichtige Rolle. Die deutsche Regierung jedoch kümmerte sich zunächst nicht darum.


Anfang 1941 – nach dem Scheitern des italienischen Militärs in Nordafrika und am Balkan – änderte sich die deutsche Haltung. In diesem Jahr, als deutsche Truppen in Nordafrika tätig wurden, begann man sich im Außenamt Gedanken zu machen über den Umgang mit dem Islam. Trotz der Skepsis – die deutschen Diplomaten erinnerten sich noch, dass diese Politik während des Ersten Weltkriegs nicht den erhofften Erfolg gebracht hatte – wurde eine systematische Instrumentalisierung des Islams beschlossen. Diese Bemühungen wurden vom erfahrenen Karrierediplomaten Dr. Wilhelm Melchers, der früher in Addis Abeba, Teheran und Haifa stationiert war, koordiniert. Ein anderer wichtiger Sachbearbeiter war Dr. Franz Grobba, ein Orientalist, der schon während des ersten Weltkrieges Kommandant eines Regiments muslimischer Freiwilliger war und in Palästina diente.


Sowohl Melchers als auch Grobba kannten den prominentesten religiösen Kleriker, den man in deutsche Dienste nehmen wollte: Amin al-Husseini, Mufti von Jerusalem, der aus dem Clan der Husseinis kam, die sich als Feudalherren einen Namen machten. Nach Ausbruch des Krieges setzten die Franzosen den nach Libanon geflohenen Mufti unter Druck, sich mit den Westmächten zu solidarisieren. Deswegen floh er im Oktober 1939 in den Irak, wo er begeistert empfangen wurde.


In einem persönlichen Brief an Hitler, der Mitte Februar 1941 Hitler übergeben wurde, betonte der Mufti die wärmste Sympathie der arabischen Völker für Deutschland und die Achse. Husseini machte auch auf die Juden aufmerksam, diese gefährlichen Feinde, deren Geheimwaffen die Finanz, die Korruption und die Intrigen seien, hätten sich mit den Briten verbunden, um ihre Träume in Palästina und sogar in den benachbarten Ländern zu verwirklichen.


Der Ausbau eines geheimen Meldedienstes im gesamten Vorderen Orient sowie Sabotageakte in Palästina waren vorgesehen. Für Aufstände in Palästina und Transjordanien sollten Waffen geliefert werden.


Im Oktober 1941 schuf die Wehrmacht den Sonderverband Bergmann, kommandiert von Theodor Oberländer, der nach dem Krieg in der Bundesrepublik Karriere machte, eine Einheit von Turkmenen. Einen Monat später wurden weitere muslimische Einheiten geschaffen, mit deren militärischer Haltung man in Berlin zufrieden war.


Am 12. Dezember 1942 meinte Hitler während eines Tischgespräches Vorsicht sei geboten bei der Organisation der Einheiten der „Ostvölker“ jedoch „…für sicher halte ich nur die Mohammedaner“.
Mit Hitlers Zustimmung kam es zur Schaffung von Ostlegionen. Die beiden ersten waren die am 13.1.1942 aufgestellte Turkestanische Legion und die Kaukasisch-Mohammedanische Legion, beide mit fast nur muslimischen Soldaten. Es folgten die Armenische Legion und die Georgische Legion, dazu kam die Nordkaukasische Legion im August und die Wolga-Tatarische Legion im September. Das Rahmen- und Stammpersonal war deutsch. 1943 gab es bereits 79 Infanteriebataillone, davon waren 54 muslimisch. Drei davon waren in Stalingrad und viele fochten in den Bergen des Kaukasus. Einige Bataillone waren am Balkan gegen Titos Partisanen tätig und sechs Bataillone nahmen an der Verteidigung Berlins 1945 teil. Man schätzt, allein aus der Sowjetunion konnte die Wehrmacht mehr als 200.000 Muslime rekrutieren. Ab 1943 wurden sogar solche muslimische Kriegsgefangene in Arbeitseinheiten zusammengefasst, die körperlich schwerer Arbeit nicht gewachsen waren. Viele Tausende Muslime waren in Hilfseinheiten tätig und bis Ende des Krieges fielen zehntausende muslimische Soldaten der Ostlegionen. Allerdings hatten auch Briten und Franzosen hunderttausende muslimische Soldaten mobilisiert.
Der deutsche General in Kroatien, ­Edmund Glaise von Horstenau, witzelte über Himmlers Begeisterung für die Errichtung einer muslimischen Einheit in Bosnien, aus Muslimen wolle man „Muselgermanen“ machen. Beginnend mit Februar 1943 wurde die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS geschaffen, die später Handschar genannt wurde. Ungefähr 20.000 Muslime wurden rekrutiert, die von der deutschen Propaganda in Kroatien als Kämpfer „gegen den Bolschewismus und das Judentum“ gepriesen wurden.


Weit von ihren Familien in Frankreich waren die SS-Muslime enttäuscht, zumal ihnen bei der Rekrutierung versprochen wurde, dass sie in ihrer Heimat stationiert sein sollten. Mitte September 1943 brach eine Meuterei aus. Dieser Aufstand wurde sofort niedergeschlagen und viele der Teilnehmer wurden verhaftet und öffentlich hingerichtet. Handschar wurde nach Neuhammer in Schlesien verlegt, wo sie sowohl von Himmler als auch von al-Husseini besucht wurden.


Teile der Division wurden um die Jahreswende 1943/44 im nördlichen Bosnien eingesetzt, wo sie „alles niedermachten, was nicht einen Fez trug“, sodass selbst Muslime vor ihren Gräueltaten zu den Partisanen flohen. Von April bis Oktober 1944 unterstand ein großes Gebiet zwischen Save, Drina und Bosna der SS. Während die meisten von Muslimen bewohnten Gebiete von Partisanen beherrscht wurden, fungierte Handschar als Besatzer einer mehrheitlich christlichen Bevölkerung. Der Mufti setzte junge Imame ein, um die Soldaten zu fanatisieren. Er glaubte zwar nicht mehr an den deutschen Sieg, doch bis zum Schluss ließ er die Soldaten indoktrinieren, ihr Leben für den Sieg der Nazi zu opfern.


Im Juli 1943 erzählte Himmler dem Mufti, dass bereits drei Millionen Juden ermordet worden seien. Historiker streiten über die Stimmung unter den Arabern im damaligen Mandatsgebiet Palästina. Unbestreitbar jedoch ist, dass bis ins Jahr 1943 8.000 Araber, davon 7.000 aus Palästina, mit ihren Waffen aus der britischen Armee desertierten und in den Untergrund abtauchten.
Im Januar 1942 hatten der Mufti und al-Gailani während eines Gesprächs mit General Hellmuth Felmy von arabischen Divisionen phantasiert, die man mobilisieren könnte, doch die Aufstellung arabischer Kollaborationseinheiten im Verband des Sonderstabes F blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Viele Freiwillige baten um Entlassung, um in Deutschland studieren zu können. Daher riet die Wehrmacht, die Stipendien für arabische Studenten zu beschneiden. Nach über einem halben Jahr ihrer Existenz wies die Deutsch-Arabische Lehrabteilung im August 1942 eine Stärke von lediglich 243 Arabern auf, davon 112 Syrer oder Palästinenser.


Muslimische Soldaten kämpften bis zum Ende an der deutschen Seite. Doch gegen Kriegsende wurde es schwierig die Disziplin und die Moral der Truppen aufrechtzuerhalten, denn es kam zu einer großen Zahl von Desertionen. Im Herbst 1944 fiel Handschar auseinander. Wegen der wachsenden Anzahl von Deserteuren sah sich die SS gezwungen die Division zu demobilisieren. Am 29. Oktober 1944 berichtete der deutsche Gesandte in Zagreb, dass 2.000 Männer entwaffnet und zum Arbeitsdienst eingezogen worden waren. Unter den muslimischen Soldaten aus der Sowjetunion kam es nicht zu sehr vielen Desertionen. Allerdings, als turkestanische Wehrmachtssoldaten zu den albanischen Partisanen flüchteten, brachten diese nicht nur ihre Waffen mit, sondern auch – wie der britische Verbindungsoffizier Julian Amery berichtete –  in einem großen grünen Taschentuch eingepackt die abgeschnittenen Ohren ihrer deutschen Offiziere.


Der Mufti von Jerusalem wurde auch nach dem Krieg in Deutschland von einigen Persönlichkeiten geschätzt. Im Dezember 1951 veröffentlichte die Zeitschrift für Geopolitik ein Interview mit ihm über die deutsch-arabischen Beziehungen. Auch das Auswärtige Amt blieb mit al-Husseini in Kontakt. Ausgerechnet Werner Otto von Hentig, der seit den frühen 1950er-Jahren wieder im diplomatischen Dienst war, bemühte sich erneut um eine Zusammenarbeit mit ihm.


David Motatel gelang ein großartiges, 568 Seiten umfassendes Werk. Es ist die erste Gesamtdarstellung der deutschen Bemühungen im NS, sich den Islam und seine Angehörigen während des Zweiten Weltkriegs zunutze zu machen.

David Motadel: Für Prophet und Führer. Die Islamische Welt und das Dritte Reich. Klett-Cotta 2017, 568 Seiten, 30 Euro, e-book 23,99 Euro.

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