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Zwischen Geistern und Ruinen

Lutz C. Kleveman erkundet Lemberg

Lemberg – Lwow – Lviv, wechselhaft wie die Namen ist auch die Entwicklung dieser im 13. Jahrhundert gegründeten Stadt. Die durch die Zeitläufte gewachsene und – noch erkennbare Architektur – von Renaissance über Barock und Klassizismus bis Jugendstil – kündet von der Schönheit und Vielfalt der einstigen Hauptstadt Galiziens mit ihrem Vielvölkergemisch von Polen, Österreichern und Ruthenen. 

Hier waren einmal 100.000 Juden zuhause gewesen, die Lemberg zu einem Zentrum jüdischer Kultur in Europa machten. Doch die Geschichte der einst kosmopolitischen Stadt, die gar nicht im Osten, sondern im eigentlichen Zentrum Europas liegt, wandelt sich im 20. Jahrhundert auf dramatische, blutige Weise. 

Im Juli 2014 reiste der Journalist Lutz C. Kleveman das erste Mal in diese westukrainische Metropole, deren Altstadt inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Als Flaneur begann er sie zu erkunden und als Archäologe grub er hinter der immer noch beeindruckenden Fassade unsichtbar gewordene Fakten aus. Herausgekommen ist dabei ein rundum lesenswertes Buch.

Lemberg erweist sich als Stadt ohne Gedächtnis, weil ihre Ureinwohner von den Sowjets deportiert oder von den Deutschen ermordet wurden und die späteren Bewohner, eine willkürlich geschaffene Nation von Ukrainern, kein Interesse an der vielschichtigen Vorgeschichte hatten und sich ein neues, nationalistisch-reaktionäres Narrativ schufen, in dem der Nazi-Kollaborateur Stefan Bandera und die ukrainischen Literaten Taras Schewtschenko und Iwan Franko als Vorbilder gelten. 

„In Lemberg“, so Kleveman, „gibt es drei kollektive Gedächtnisse, die wenig miteinander gemein haben. Aufgrund oft gegensätzlicher Erfahrungen erinnern sich Polen, Ukrainer und Juden sehr unterschiedlich an die Stadt. (…) Mit Ausnahme der Juden war jede Volksgruppe mal oben und mal unten, Opfer und Täter zugleich.“

Gleich die erste von vielen Anekdoten, die der Autor sachkundig und einfühlsam zusammentrug, macht das ganze Elend hinter teils immer noch schönen Fassaden deutlich. Im Herbst 1990 beschloss man, ein seit 1952 bestehendes Lenin-Denkmal niederzureißen. Aus dem Sockel tauchten Grabsteine mit hebräischen Inschriften auf. Jüdische Zwangsarbeiter hatten sie auf Befehl der Nazis als Material für den Straßenbau vom Jüdischen Friedhof hinter dem Lazarus-Spital abtragen müssen, die Sowjets wiederum verarbeiteten offensichtlich den Rest. „Für einen kurzen Moment offenbarte sich die lange verschwiegene Geschichte der Stadt in geradezu unheimlicher Verdichtung.“ Für Kleveman liegt „noch heute Lembergs Geschichte unter dickem Zement“. 

Um im Bild zu bleiben, legt er diese nicht mit dem Presslufthammer, sondern mit einem feinen Pinsel frei. Dabei ist so vieles schon unwiederbringlich zerstört. Dass es kaum mehr gebürtige Lemberger gibt, die er befragen kann, erklärt die allgegenwärtig spürbare Geschichtsvergessenheit: „Durch den Zweiten Weltkrieg, durch die stalinistischen Deportationen, durch den Holocaust, durch die Vertreibung der Polen wurde die Stadt fast völlig entvölkert, verlor 90 Prozent der Bevölkerung und verlor damit auch ihre kulturelle Identität und ihr Gedächtnis und zwar so, dass eigentlich aus dieser Blütezeit nur noch die Gebäude stehen, und die Einwohner der Stadt so gar nicht richtig dazu passen.“

In den Erinnerungen meines Vaters, die er mit mühsam, in Antiquariaten aufgetriebenen, alten Postkarten belegte, war Lemberg eine wunderschöne Stadt, mit Caféhäusern, Bibliotheken, einer prächtigen Oper und einer renommierten Universität, an der er Anfang der 1930er Jahre studiert hatte. Er drängte mich Alfred Döblin, Joseph Roth und Bruno Schulz zu lesen. Um seine Welt von Vorgestern zu entdecken, ist es inzwischen wohl der bessere Weg, als durch die ansprechende Altstadt zu stolpern.

Denn schön sind die Fassaden stets am Rynek, d. h. an den Marktplätzen. Alle angesagten Marken von Pucci bis Gucci residieren an ersten Adressen, in den Hinterhöfen haust hingegen oft der Verfall. Das Trottoir mutet teilweise wie eine Berg- und Talfahrt an, weil jeder Hausbesitzer nur für seine eigene Hausbreite – zumindest bis zur Jahrtausendwende – zuständig war. Ob sich daran etwas geändert hat? Vermutlich hat man derzeit andere Probleme.

Auch in der westlichsten Stadt der Ukraine dürfte man die Auswirkungen des Ukraine-Konflikts spüren. Und so gibt es neben den Gewinnern in jeder Krise die breite Bevölkerung, die sich zu den Verlierern zählt. Und die dann noch neidisch wird auf das Los der letzten alten Juden, die sich – mit jüdischer Hilfe aus dem Ausland – über Wasser halten. 

Der geneigte Leser der Erkenntnisse von Klevemans fünf Reisen nach Lemberg wird sich seinen Eindrücken nicht entziehen können: „Ich aber gehe in Lemberg, ich kann es nicht ändern, zwischen Ruinen und unter Geistern, unerlösten Seelen. In Lemberg ist Europa ein großes Nichtmehr.“

Lutz C. Kleveman: Lemberg. Die vergessene Mitte Europas, Aufbau Verlag, Berlin 2017, 315 S., mit Abbildungen, 24,00 Euro.

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