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Zum 100. Geburtstag

Peter Weiss und Wolfgang Hildesheimer

Peter Weiss

Mit seinem Werk Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen hat sich Peter Weiss unauslöschlich in die deutsche Literaturgeschichte eingeschrieben. Grundlage war der Auschwitz-Prozess, der im Dezember 1963 in Frankfurt begann. Weiss verarbeitete die Protokolle über das Funktionieren der Vernichtungsmaschinerie zu einem dokumentarischen Theaterstück. Ein Jahr nach seiner Fertigstellung entstand 1966 ein Fernsehspiel daraus. 

Es war klar, dass der 100. Geburtstag nach einer Würdigung des Autors rief. Und so sind gleich zwei Lebensbetrachtungen erschienen: Die eine des in Schweden lehrenden Historikers Werner Schmid bei Suhrkamp, die andere der Biographie-erprobten deutschen Journalistin Birgit Lahann bei Dietz. 

Denkt man an die Arbeitsbereiche von Peter Weiss wie Malerei, Filmschaffen, Dramatik und Schriftstellerei, so ergeben sich – analog seines Leidensgenossen gleichen Jahrgangs, Wolfgang Hildesheimer, – bemerkenswerte Parallelen: die Doppelbegabung in der schreibenden und bildenden Kunst, das Verfolgungslos, das lebenslänglich Entwurzeltbleiben und An der Welt-Zweifeln. 

Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in Nowawes bei Berlin geboren. Er war der Sohn eines ungarischen Textilfabrikanten und einer deutschen Schauspielerin, die bei Max Reinhardt reüssiert hatte. Weiss, der Berlin gegen London 1935 tauschen musste, dann 1937 zum Studium der Malerei nach Prag ging, später in die Schweiz und schließlich nach Schweden, wird in seinen Gemälden seinen Alptraum für alle sichtbar hinterlassen: die Obduktion (1944) und seinen Torso ohne Kopf. 

Doch alle Alpträume wurden vom Unfalltod seiner 13-jährigen, heiß geliebten Schwester Margit Beatrice überragt. Weiss’ Bilder erzählen von Angstzuständen, Ausgeliefertsein und Außenseitertum. Die Familie erwies sich nicht als Hort der Geborgenheit, sondern der Lieblosigkeit. Abschied von den Eltern und Fluchtpunkt sind Kernstücke seiner Selbstbetrachtung. 

In Schweden publizierte Peter Weiss, familiär, geografisch, wie politisch entwurzelt, in den 1940er Jahren. 1960 erfolgte seine erste deutschsprachige Veröffentlichung. 1965 machte sein Theaterstück Marat/Sade Furore. Im Herbst desselben Jahres wurde seine Ermittlung zeitgleich in elf Theatern der DDR und vier in Westdeutschland aufgeführt. 1981 schloss er seinen Mammut-Essay Ästhetik des Widerstands ab.  

Peter Weiss starb am 10. Mai 1982 in Stockholm. Seine innere Zerrissenheit spiegelt sich in der Vielzahl der Ausdrucksmittel wieder, die er beherrschte: er malte, gestaltete Collagen, drehte Dokumentarfilme und schrieb Romane, pflegte Briefwechsel u.a. mit dem von ihm verehrten Hermann Hesse und mit seinem Verleger Siegfried Unseld. Man stellt fest, dass er seiner langjährigen Lebensgefährtin Gunilla Palmstierna-Weiss viel zumutete, denn er war immer auf der Suche und sagte von sich: „Ich misstraue allen Bindungen“. Sein Nachlass, zu dem Unmengen handschriftlicher Notizen gehören, ruht in der Akademie der Künste in Berlin. 

Wolfgang Hildesheimer

Runde Jubiläen geben die Chance, wenigstens für einen Moment die Aufmerksamkeit auf Vergangenes, Vergessenes, in den Hintergrund Geratenes zu richten. So verhält es sich mit dem zu Lebzeiten zu Recht berühmten Schriftsteller, Dramatiker, Maler und Übersetzer Wolfgang ­Hildesheimer, der auch Tischler und Bühnenbildner gelernt hatte. 

Am 9. Dezember 1916 in Hamburg geboren zu sein, verhieß in seinem Fall keine friedliche Existenz. 1934 war er mit seinen Eltern nach Palästina emigriert. 1937 ging er zum Studium der Malerei nach London. Was er in seiner Tätigkeit als Simultandolmetscher und Gerichtsschreiber bei den Nürnberger Prozessen vernahm, wurde zu einem weiteren prägenden Element seines Blicks auf die Welt: genau, unerbittlich und visionär. Ein Satz wie „Die Katastrophen unserer Tage sind irreversibel. Das ist der große Unterschied zu früher. In wenigen Generationen wird der Mensch die von ihm zerstörte Erde verlassen haben.“ Damit zielte er auf den Raubbau an den biologischen Ressourcen und umfasste dabei so viel mehr. 

Hildesheimer, der zehn Jahre vor seinem Tod einräumte: „Ich wäre gern ein anderer geworden“, tat dem deutschen Literaturbetrieb gut. Das verbindet ihn übrigens mit seinem Altersgenossen Peter Weiss, der wie er zur Gruppe 47 stieß, die viele wichtige deutschsprachige Stimmen vereinte. Seine Erzählungen Lieblose Legenden aus den Jahren 1950 bis 1962 gehören zu den Klassikern der Nachkriegsliteratur. Mit seinen Übersetzungen u. a. von Djuna Barnes, Samuel Beckett, George Bernard Shaw wurde er zu einem wichtigen Vermittler englischsprachiger Literatur. Sein lyrisches Prosawerk Tynset (1965) brachte ihm den Büchner-Preis ein, seine Mozart-Biographie (1977) wurde zum Bestseller. 

Seit 1957 lebte Hildesheimer vorwiegend in der Schweiz, wo er am 21. August 1991 in Poschiavo in Graubünden, starb. Verstummt war er schon 1984: „Es gibt keine Geschichten mehr zu erzählen. Es hat mir die Sprache verschlagen.“ Angesichts der Umweltzerstörungen verkündigte er das Ende seines Schreibens,  widmete sich dafür aber um so intensiver wieder der Kunst. Auf diese Weise entstanden weitere Bücher mit Collagen und Gedichten. Sein im Suhrkamp Verlag erschienenes Gesamtwerk umfasst immerhin sieben Bände. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag erschien im Wallstein Verlag die von Stephan Braese verfasste Biographie Jenseits der Pässe, die Wolfgang Hildesheimers Werdegang zu einem „engagierten Bürger und Intellektuellen“ beschreibt, bevor dieser Status zu einer Worthülse verkam. Und gegen solche war er zeitlebens allergisch. Schon 1953 hat Hildesheimer an Heinrich Böll geschrieben: „Ich weiss sehr wohl, gegen was ich bin, aber ich weiss nicht ganz für was.“

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