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Verschollene Künstlerinnen

Die derzeitige Ausstellung im Jüdischen Museum ist jüdischen Künstlerinnen, die bis 1938 in Wien tätig waren, gewidmet. Unter dem Titel „Die bessere Hälfte” sind bis 1. Mai 2017 Arbeiten von 44 Künstlerinnen zu sehen. Neben bekannten Malerinnen, wie Tina Blau, Broncia Koller-Pinell sowie Marie-Louise von Motesiczky, oder den Keramikerinnen Vally Wieselthier und Susi Singer tauchen auch viele Namen auf, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. 

Ihr Fehlen in der Kunstgeschichte hat damit zu tun, dass Frauen aus der offiziellen Kunstproduktion lange ausgeschlossen waren. Zugang zum Kunststudium an den Akademien, die seit der Renaissance entstanden sind, hatten sie erst im 20. Jahrhundert (in Wien seit dem WS 1920/21). 

Frauen durften seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zwar an privaten und öffentlichen Instituten studieren, z. B. an der 1897 gegründeten „Kunstschule für Frauen” oder an der 1867 gegründeten „Kunstgewerbeschule” – der Kunstmarkt ist aber bis heute von Männern dominiert. Dies wurde bereits 1895 von ­Karoline Murau in ihrem Buch Wiener Malerinnen hinterfragt. Ab der Jahrhundertwende schlossen sich Frauen zusammen und stellten gemeinsam aus: 1901 entstand die Ausstellung „Acht Künstlerinnen” oder 1910 „Die Kunst der Frau”. In der 1903 gegründeten Wiener Werkstätte, wo angewandte und bildende Kunst gleichwertig nebeneinander standen, waren Frauen zugelassen, bedeutende jüdische Vertreterinnen waren Vally Wieselthier, Susi ­Singer-Schinnerl und Kitty Rix.

Schon ab den 1920er Jahren gingen viele jüdische Künstlerinnen ins Ausland oder lebten zumindest zeitweise dort: die Malerin Lilly Steiner in Paris, Vally Wieselthier in den USA, die Grafikerin Bertha Tarnay erst in Berlin und dann in England, und die Malerin Grete Wolf-Krakauer wanderte nach Palästina aus.

Der tragischen Einschnitt kam mit dem Nationalsozialismus – viele der Künstlerinnen wurden ins Exil vertrieben oder ermordet.

Diese Schau mit Wiederentdeckungen und neuen Erkenntnissen zeigt: Es gab um die Jahrhundertwende herausragende Künstlerinnen. Die Ausstellung wird von mehreren Fachvorträgen zum Thema begleitet. Am Sonntag, 22. Jänner 2017, sowie am Sonntag, 23. April 2017, findet außerdem ein Kulturfrühstück mit anschließender Kuratorinnen-Führung statt. Anmeldung und Details unter:  

www.jmw.at/events.

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