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Trockenheit besiegen

Im Heiligen Land sind Wunder ja nichts Neues. Aber selbst Fachleute sind heute überrascht, wie Israel im vergangenen Jahrzehnt bewies, dass selbst tiefe Falten im Gesicht mit Abwasser vollkommen beseitigt werden können – zumindest im übertragenen Sinne.

Wer vor zehn Jahren Israel besuchte, konnte auf den Straßen, im Kino, in Zeitungen oder im Fernsehen dem Gesicht des Modells Renana Ras nicht entgehen. In kurzen Werbeclips warnte sie vor der zunehmenden Wasserknappheit im Land, während die glatte Haut ihres Gesichts rasant austrocknete, zersprang und schließlich zerbröselte: „Israel trocknet aus – wir haben nicht genug Wasser, um etwas zu verschwenden“, warnte die hübsche Renana. Der Landwirtschaftsminister forderte Bürger gar dazu auf, fortan nur noch paarweise zu duschen, um das kostbare Nass zu sparen.

Zehn Jahre später gibt es von Renana keine Spur mehr. Alle Beschränkungen für den Gebrauch von Wasser wurden aufgehoben. Der Staat ist sogar dazu bereit, Millionen Kubikmeter Frischwasser in den Jordan zu leiten, um den Fluss wieder attraktiv zu machen. Einst hätte allein der Gedanke daran, Wasser für die Umwelt zu „verschwenden“, als Frevel gegolten. Aber inzwischen hat das Land trotz Klimawandel aus Mangel einen Überschuss gemacht. Das hat die High-Tech Nation vor allem drei Entwicklungen zu verdanken, die Israels Premier Benjamin Netanjahu im vergangenen Jahrzehnt konsequent vorantrieb: Erstens nutzt Israel sein Wasser sehr effizient. Zweitens ist es Weltmeister in kostengünstiger Meerwasserentsalzung. Und drittens recycelt kein Land – so stellte die UNO bereits 2009 fest – seine Abwässer effizienter als der Staat am Rand der Wüste. Deshalb gilt Israel in Fachkreisen als „Wassersupermacht“: Schon 2008 gab es hier 200 Firmen, die jährlich Wassertechnologien im Wert von 1,3 Milliarden Euro in über 100 Länder exportierten. 

Es begann bescheiden: „Ende der 1970er Jahre starteten Kibbuzim erste Privatinitiativen, um Abwasser aufzufangen und zu recyceln“, so Mosche Grazi, Direktor der israelischen Wasserbehörde. Als Ende der 1990er Jahre jedoch im ganzen Land die Pegel der Reservoirs sanken, machte Israels Regierung sich diese Idee zu eigen: „Ab dem Jahr 2000 wurde ein umfassender Wasserplan entworfen, in dessen Rahmen bislang rund 800 Millionen Euro investiert wurden“, sagt Grazi. Eine Stützsäule des israelischen Wasserhaushalts ist das Recyceln von Abwässern. In fünf Jahren soll diese Zahl auf 95 Prozent steigen. Das geklärte Wasser deckt heute ein Fünftel des israelischen Gesamtverbrauchs von 2.100 Millionen Kubikmetern im Jahr. Doch im Gegensatz zu Staaten wie Singapur, die Abwässer zu einem so hohen Grad klären, dass es getrunken werden kann, hält man diesen Ansatz in Israel für Verschwendung: „Das rechnet sich nicht“, sagt Grazi, „etwa 75 Prozent der geklärten Abwässer werden in der Landwirtschaft wiederverwertet, der Rest wird der Industrie oder städtischen Verschönerungsmaßnahmen zugeführt.“ 

Doch die intensive Nutzung von geklärten Abwässern – etwa die Hälfte von Israels Feldern und Plantagen werden mit ihnen bewässert – könnte einen Preis haben. Wie neue Studien der Hebräischen Universität in Jerusalem zeigten, entfernen Israels Kläranlagen nicht alle Spuren von Kosmetika und Arzneimitteln. Und die finden ihren Weg in Früchte und Obst, die mit geklärten Abwässern begossen werden. So fanden Forscher im Urin von Testpersonen, die nur eine Woche lang bewässertes Gemüse verzehrten, erheblich erhöhte Konzentrationen von Carbamazepin, ein Mittel, das epileptische Anfälle verhindern soll. Es ist unklar, welche Folgen chronischer Verzehr solcher Chemikalien für Menschen, Tiere und Pflanzen hat.

Das macht die massive Entsalzung von Meerwasser, die energetisch weitaus aufwendiger ist, eigentlich attraktiver. Auch in diesem Feld ist Israel weltführend. Noch vor zehn Jahren gab es kein entsalztes Meerwasser in Israel, heute kommen ein Viertel des Gesamtverbrauchs und 75 Prozent des Trinkwassers aus dem Meer – 580 Millionen Kubikmeter im Jahr. Israels modernste Anlagen in Sorek brauchen rund 30 Prozent weniger Energie, um einen Kubikmeter Wasser herzustellen als ältere Anlagen in Zypern. Das entlastet nicht nur die belasteten natürlichen Wasservorkommen, sondern sorgt auch für Entspannung in den Beziehungen zu den Nachbarn. Denn der Weltklimawandel betrifft den Nahen Osten härter als viele andere Regionen der Welt. 

Etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung müssen hier mit 1,5 Prozent der weltweiten Süßwasservorkommen auskommen – Tendenz sinkend. Bei rasantem Bevölkerungswachstum und immer mehr zerfallenden Staaten wie Syrien, Jemen oder Libyen, die überhaupt keine koordinierte Wasserpolitik durchführen können, wächst die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage bedrohlich rapide. Laut einer Schätzung des Carnegie Endowments wird Jemens Hauptstadt Sana „die erste Hauptstadt der Welt werden, die völlig austrocknet“. Die Wüste könnte sich hier immer weiter ausdehnen. Wie einst könnten bald wieder Kriege um Wasserquellen geführt werden. 

Doch das Verhältnis zwischen Israel und Jordanien demonstriert, dass Israels effizienter Umgang mit Wasser zu einer Grundlage für regionale Kooperation werden kann. Eigentlich gilt Jordanien unter arabischen Staaten als beispielhaft für seinen Umgang mit Wasser. Hier werden Abwässer seit 1977 recycelt. Heute sind 62 Prozent der Haushalte an die Kanalisation angeschlossen. Bis 2025 sollen es 80 Prozent sein. 

Laut dem neuesten UNO-Bericht (2013) werden in den arabischen Staaten nur 21 Prozent der geklärten Abwässer für Bewässerung und zur Grundwasseranreicherung genutzt. In Jordaniens Landwirtschaft stammen 40 Prozent des Wassers aus Klärwerken – 150 Millionen Kubikmeter im Jahr. Doch es gibt noch viel Raum zur Verbesserung. „In unseren Leitungen gehen etwa 40 Prozent des Wassers auf dem Weg zum Verbraucher verloren“, sagt Ingenieur Ijad Dahijat und Generaldirektor des jordanischen Wasserministeriums. Meerwasserentsalzung wird – von einer kleinen Anlage in Akaba abgesehen, die im März in Betrieb genommen wurde – kaum betrieben. Der gewaltige Zustrom von syrischen Flüchtlingen droht Jordaniens Wasserhaushalt zu überwältigen. Jordanien wäre heute schon ausgetrocknet, lieferte Israel nicht zig Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr: „Wir würden ohne diesen Lieferungen keinen Sommer überstehen“, so Ijad Dahijat. Langfristig wollen sich daher beide Staaten mit dem Kanal vom Roten Meer hin zum Toten Meer noch enger aneinander binden – zum beiderseitigen Vorteil.

Entsalztes Meerwasser bringt also viele Vorteile: Es schont natürliche Ressourcen, schafft internationale Kooperation, ist weniger hart und schont deshalb Wasserrohre und Haushaltsgeräte. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Eine neue israelische Studie der Bar Ilan Universität demonstrierte nämlich unlängst, dass der Gebrauch von zu stark entsalztem Wasser Herzinfarkte auslösen könnte – wahrscheinlich wegen Mangel an Magnesium. Die effiziente und sichere Nutzung von geklärtem oder entsalztem Wasser bedarf deshalb noch viel weiterer Forschung. Und die wird fast nirgendwo auf der Welt so intensiv betrieben, wie in Israel.

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