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Rama Burshtein: „Ich war immer auf der Suche.”

Drei Jahre nach ihrem durchschlagenden Erstlingserfolg mit „Fill the Void“ war Rama Burshtein im vergangenen September mit einem neuen Film bei den Filmfestspielen von Venedig zu Gast. In „Through the Wall“ geht es wieder um Heirat und Tradition – diesmal allerdings mit einem wesentlich unkonventionelleren Zugang zu diesem Thema.

Rama Burshtein ist übrigens eine „baal ­teshuva“ – eine ursprünglich säkular orientierte Jüdin, die sich wieder dem Glauben zugewandt hat. Nach dem erfolgreichen Festivaldebut war ihr erster Film Fill the Void als israelischer Beitrag für den Auslands-Oscar 2013 eingereicht und international vielbeachtet worden, weil Burshtein etwas ermöglicht hatte, das zu den schönsten Eigenschaften des Kinos gehört: Eine Reise im Kopf – hinein in eine fremde Welt, die ansonsten nur schwer zugänglich ist. 

Eine solche Welt ist für viele Menschen das orthodoxe Judentum, das, von außen gesehen, oft irritierend und gerade deshalb auch faszinierend wirkt. In Fill the Void war es die Geschichte rund um die arrangierte Ehe einer 18-Jährigen, die entsprechend tiefe Einblicke in die Hierarchien chassidischer Familien vermittelte. 

In Burshteins neuem Film Through the Wall steht eine attraktive 32-Jährige im Mittelpunkt, die sich selbst als „alte Jungfer“ fühlt, weil sie noch nicht verheiratet ist. Als Drehbuchautorin und Regisseurin präsentiert die Filmemacherin die „tragische Heldin“ ihres Films und deren verzweifelte Suche nach einem heiratswilligen Mann mit anteilnehmender Ironie und: Da die Geschichte zur Gänze aus weiblicher Sicht erzählt wird, bekommen auch die Männer ihr verdientes Maß an „Fett“ weg. 

Die Geschichte beginnt damit, dass der Verlobte der hübschen Michal – mit warmherziger Ausstrahlung und höchst sympathisch gespielt vom israelischen Bühnen- und TV-Serien-Star Noa Koler – einen Monat vor der Hochzeit kalte Füße bekommt und ihr gesteht, dass er sie nicht wirklich liebt. Michal gerät in Torschlusspanik und beschließt, auf jeden Fall zu heiraten – (beinahe) egal wen. Schließlich ist die Hochzeitsfeier bereits geplant, die Gäste sind eingeladen und –Michal hat immerhin einen ganzen Monat Zeit, um den verschwundenen Bräutigam zu ersetzen. 

Ihre erste Maßnahme ist die Konsultation einer Wahrsagerin, die mit spirituellem Sachverstand den bösen Blick ablenken soll, der offenbar den Verlobten in die Flucht geschlagen hat. Die darauffolgende Suche nach einem Bräutigam wirkt wie eine Serie von kabarettistischen Sketches: Michal eilt – den Arrangements eines Heiratsvermittlers folgend – von einem „Blind Date“ zum nächsten. Das Männer-Sammelsurium ist sehenswert: Ein potentieller Bräutigam weigert sich, sein weibliches Gegenüber anzusehen; ein Taubstummer kommt mit einem „Übersetzer“ seiner Gestensprache, den er auch in den Ehealltag einzubringen gedenkt; ein auf den ersten Blick adretter und gutaussehender Mann erweist sich als hyperaktives Energiebündel, das alle Mitmenschen außer Atem bringt. Und schließlich erscheint auch noch ein Pop-Star auf der Bildfläche, der Michal auf der Stelle heiraten will, um damit seine allzu aufdringlichen weiblichen Fans auf Distanz zu halten. 

Dass es letztendlich doch zu einem Happy End kommt, liegt in der Natur einer romantischen Komödie, die in ihrer Skurrilität auch zum Nachdenken anregt, da hinter jedem der potentiellen Brautwerber, hinter jeder von Michals Freundinnen eine Geschichte steckt, die jeweils einen eigenen Film füllen könnte. Regisseurin Rama Burshtein wertet ihre Protagonisten an keiner Stelle, vielmehr konzentriert sie sich auf deren Gefühlswelt, die sich oft auch auf nonverbale Weise Ausdruck verschafft. Alles in allem ist Through the Wall ein Film für all diejenigen, die neugierig genug sind, im Kino andere Kulturen und Menschen in all ihren Schattierungen kennenzulernen.

Interview

Im Interview erzählt die Regisseurin, wie es sich anfühlt, drei Jahre nach dem großen Erfolg von Fill the Void den zweiten Film zu präsentieren und noch dazu – wieder in Venedig. 

Rama Burshtein: Der zweite Film ist noch eine viel größere Herausforderung. Nach dem unerwarteten Höhenflug meines Erstlingswerks, auf das ich mich fünfzehn Jahre lang vorbereitet habe, könnte ich gleich wieder ganz tief fallen. Bei meinem Venedig-Debüt war ich 46, also auch nicht mehr so ganz jung, aber jetzt könnte ich beinahe schon eine Großmutter sein und da sieht das Publikum mögliche Fehler nicht mehr als „Jugendsünden“, sondern als Mangel an Sorgfalt oder Begabung. 

INW: Der Film ist die Geschichte einer Fast-Midlife-Crisis rund um eine intelligente Frau, die berufstätig ist und gelernt hat, ihre Gefühle und Gedanken auszudrücken. Dennoch streben ihr Leben und ihre Gedanken einzig auf eine Heirat zu. Hat dieses Streben nach einer Ehe mit Religion zu tun?

R.B.: Ich denke, da gibt es keine großen Unterschiede zwischen religiösen und säkularen Menschen. Ich kenne ja beide Welten, und es geht schließlich überall darum, den einen Menschen zu finden, mit dem man zusammenbleiben kann. Die Literatur und auch die Filme waren immer und sind bis heute voll von Geschichten, in denen es in allen möglichen Varianten um „Boy Meets Girl“ geht. Bei uns beschließt man dies mit einer Heirat. Auch die Frau in meinem neuen Film wird von der Familie nicht dazu gedrängt, zu heiraten, sondern wie wird durch ihre eigenen Gefühle dazu gedrängt. 

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