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Isradrama 2016

Theater vom Feinsten im Rampenlicht

Seit dem Jahr 2000, als nach dem Tod von Hanoch Lewin, dem vielleicht berühmtesten israelischen Dramatiker, das Institute of Israeli Drama von Noam Semel, (ehemaliger Direktor des Cameri-Theaters in Tel Aviv) gegründet wurde, veranstaltet das Institut jedes Jahr ein mehrtägiges Festival, bei dem Theaterproduktionen aus Israel einer internationalen Gruppe von Gästen, Direktoren, Dramaturgen, Übersetzern, Agenten vorgestellt werden.

2016 dauerte das Festival IsraDrama fünf Tage. 60 Theaterdirektoren, Dramaturgen, Übersetzer, Agenten und Journalisten – kurz 60 Theaterleute – aus 20 verschiedenen Ländern wurden über die israelischen Botschaften ihrer Länder vom Staat Israel großzügig eingeladen. Zwischen dem 1. und dem 5. Dezember 2016 wurde ihnen ein Programm mit drei Produktionen pro Tag gezeigt, die alle von israelischen Künstlern erarbeitet wurden. 

Shimrit Ron, die Direktorin des Hanoch Lewin Institute sowie Lee Perlman haben gemeinsam mit ihrem künstlerischen Team großartige Arbeit sowohl in der künstlerischen Vorbereitung als auch in der Logistik geleistet. Die Produktionen zeichneten sich alle durch hohe Qualität aus, sowohl inhaltlich als auch formal, und deckten ein breites Spektrum des israelischen Theaterlebens ab.

Die israelischen Gastgeber, vertreten durch Ofra Ben Jaakov, Head of the Arts Department, waren sehr großzügig. Die vielen Gäste waren in schönen Hotels im Stadtzentrum untergebracht die meisten davon im Hotel Cinema, einem stilvollen Bauhausgebäude am Dizengoff-Square, das bis in die 1970er Jahre ein berühmtes Kino gewesen ist. 

Das erste Stück des Festivals war The King David Report, eine Produktion des berühmten Gesher-Theaters in Jaffa, das heute bei vielen für das beste Theater in Israel gehalten wird. Es wurde 1991, während des ersten Golfkrieges, in Jaffa von dem berühmten russischen Regisseur Yevgeny Arye gegründet als dieser mit seiner Truppe von Moskau nach Israel ausgewandert ist. „Gesher“ bedeutet in hebräischer Sprache „Brücke“.

Das Gesher-Theater ist das einzige Emigrantentheater der Welt, das bereits so viele Jahre besteht. Die Schauspieler spielen abwechselnd in russischer und hebräischer Sprache. Die Produktionen des Gesher, meist Bühnenbearbeitungen des Dramaturgen Roy Chen, wie z.B. Das Notizbuch (nach Agota Kristof), The Pigeon and the Boy oder The Dybbuk, haben verschiedenste internationale Preise gewonnen. Die Times hat die Gruppe einmal als eine der großartigsten und wichtigsten Theatre Companies der Welt beschrieben. Die einzigartige Theatersprache des Gesher, das die Prinzipien des traditionellen, russischen Theaters mit ganz neuen innovativen Ansätzen verknüpft, bezaubert fast jeden Besucher. 

Der 2016 produzierte The King David Report von Roy Chen und nach der Novelle von Stefan Heym für die Bühne adaptiert, ist eine intelligente und kontroversielle Auflösung eines jüdischen Mythos, wie jede Produktion des Gesher, in wunderschönen Bildern. „King David ist einer unserer Mythen, meine Tochter lernt gerade die Propheten in der Schule“, sagt Shimrit Ron, die Direktorin des Institute of Israeli Drama über das Stück. Der Inhalt berührt den Zuschauer allerdings etwas weniger als das 2014 entstandene A Pigeon and a Boy, eine Produktion zum Unabhängigkeitskrieg über einen Buben, der Tauben züchtet und mit einem Ballett aus Tauben, das das Publikum zu Tränen rührte. 

Am nächsten Tag ging es ins zweisprachige, hebräisch-arabische Jaffa-Theater, wo The Admission (Das Eingeständnis) von Motti Lerner gezeigt wird. Zwei befreundete Familien, eine arabische und eine jüdische, tauschen Erinnerungen über den Tag im Jahr 1948 aus, wo Israel als Staat anerkannt wurde, jenen Tag, den die Araber „Nakba“ und die Juden „Unabhängigkeitstag“ nennen. Dabei kommen Abgründe zu Tage. Das Stück des arrivierten auch in Deutschland vielgespielten Autors wird wunderbar von einem palästinensisch/jüdischen Cast gespielt.

Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung wurde des im Oktober 2016 plötzlich verstorbenen Autors Gilad Evron gedacht. Es wurde das biblische Stück Jehu gezeigt, das von dem korrupten König eines besetzten Landes handelt, dessen Bevölkerung als einzige Überlebenschance den Wahnsinn hat. Gilad Evron gilt heute als einer der wichtigsten israelischen Theaterautoren. Seine kontroversiellen Arbeiten, darunter Ulysses auf dem Flaschenfloß (bestes israelisches Stück 2012), wurden in mehrere Sprachen übersetzt und auf zahlreichen internationalen Bühnen gespielt. 2014 wurde Ulysses auf dem Flaschenfloß als szenische Lesung im Theater Nestroyhof Hamakom gezeigt. Danach diskutierte der Autor anregend mit dem Publikum.

Außer den klassischen Theaterstücken wurden auch drei außerordentlich interessante Performances gezeigt. Practice makes perfect – geschrieben und dargestellt von ­Nataly Zukerman – ist eine autobiographische Auseinandersetzung mit invisible disability, (unsichtbare Beeinträchtigung). Nataly hatte als Kind einen schweren Autounfall, aus dem eine Beeinträchtigung, die jedoch unsichtbar ist, resultierte. Intelligent und leicht werden Assoziationen zum Thema Behinderung umgesetzt, die den Zuschauern zu eigenen Gedanken anregen ohne ihn mit einem Gefühl von Schwere zurückzulassen (Practice makes perfect hat den 1. Preis beim Acco-Festival 2015 gewonnen.).

Die zweite am Festival gezeigte Performance Worst Case Szenario – 23 Gedanken über Konflikt – der Autorin und Schauspielerin Danielle Cohen-Levy, dem Jongleur ­Namer Golan und in Zusammenarbeit mit den Musikern Gil Lavi und Tomilio Munz war einfach großartig und komisch zugleich. Die Produktion hat drei Preise am Acco-Festival 2015 gewonnen und wurde bereits am Brighton Fringe Festival gespielt. Tägliche Konflikte, Gemeinplätze, bedeutende Geschichten und das tägliche Leben im Nahen Osten werden in hinreißend humoristischer Weise untersucht.

Perlstein, die dritte Performance, die am letzten Tag des Festivals zu sehen war, ist das Projekt der Künstlerin Dafni Perlstein. Dafni Perlstein ist die Enkelin einer Holocaust-Überlebenden und nähert sich gemeinsam mit einer Gruppe internationaler Künstler dem Thema zum Teil in bizarrer und respektloser Weise an. Die zweite und die dritte Generation, die Kinder und Enkel von Holocaust-Überlebenden ist in Israel schon lange ein Thema, von dem ich mir wünschen würde auch mehr in Österreich darüber zu erfahren.

Die drei Performances fanden im Tm’una-Theater statt, dem bekanntesten Fringe-Theater in Tel Aviv. Die anderen Arbeiten, die an diesem Theater gezeigt wurden, waren etwa Das Kainsmal (Moshe Malka), ein Workshopergebnis des äthiopischen Hullegeb-Theaters und eine bemerkenswerte Arbeit, ebenso wie The Parasite von Vera Berzak Schneider nach einer Novelle von Harald Brodski mit ihrer russischen Truppe von Neueinwanderern. 

Auch die Aufführungen, die an den beiden großen Bühnen von Tel-Aviv gezeigt wurden, waren gleichermaßen sehenswert. On the Grill, eine Arbeit des jungen Autors Dror Keren im Cameri-Theater, zeigt drei Generationen von Israelis, die sich am Unabhängigkeitstag zu einer Barbecue Party zusammenfinden. Das Stück ist ein Bild, eine Momentaufnahme israelischer Geschichte. Sehenswert auch Nephilim (Giants) des wortgewaltigen Jonathan Levy, ein Stück über drei israelische Berühmtheiten. 

Die erste Episode hat den historischen Besuch 1982 von Menachem Begin der Festung Beaufort im Libanon am Ende des Libanonkrieges zum Thema, die zweite Episode handelt vom Besuch eines israelischen Judoka in Turkmenistan im Jahr 1990 und die dritte Episode zeigt das israelische Supermodell Bar Israel, das die Brillenmarke Carolina Lempke erfunden hat und deren Plakate überall am Ben Gurion Flughafen zu sehen sind. 

Menachem Begin wurde dabei von Noam Semel, dem Ex-Direktor des Cameri-Theater dargestellt, der, um Menachem Begin nach seinem Rücktritt wegen des Libanon-Krieges zu symbolisieren und der nach seinem kurzen Auftritt im Libanon nie mehr an die Öffentlichkeit gegangen ist, den ganzen weiteren Verlauf des Stückes auf einer Matratze am Boden gelegen ist. 

In der Habima wurde das Stück To the End of the Land von David Grossmann gezeigt. Es handelt sich um die Liebesgeschichte von Ora, Avram und Ilan, die sich während des Sechstagekrieges kennen lernen und in einer Inszenierung des vielleicht berühmtesten israelischen Regisseurs Hanan Snir. Sehr berührend war auch Through the Spirit, das von Moshe Malko, dem Begründer des „Zitz“ (eine visual-physical Theatersprache), gemeinsam mit taubblinden Menschen erarbeitet wurde. 

Alles in allem war IsraDrama2016 eine für den Besucher sehr bereichernde Erfahrung, wo nicht nur viel gutes Theater zu sehen war, sondern wo man auch mehr über die israelische Gesellschaft erfahren konnte. Ich kann nur jedem Israelbesucher raten, dort ins Theater zu gehen. Viele Stücke sind englisch übertitelt, sodass auch Besucher, die kein Hebräisch sprechen, dem Geschehen folgen können.

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