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Islam und Antisemitismus

Es ist für unsere Gegenwart bezeichnend, dass die, von den Professoren Lange und Davidowicz des Lehrstuhls Judaistik, ausgezeichnet organisierte englischsprachige Tagung zu diesem Thema an der Wiener Universität nur unter speziellen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden konnte. Ein Tagungsbericht von Karl Pfeifer.

Das Thema wurde sehr nuanciert und umfassend behandelt. Alle Vorträge sind auf der Website des Judaistik-Institutes abrufbar.

Prof. Lange berichtete über eine Wiener Untersuchung, die den zuständigen Behörden zu denken geben sollte: 33% aller Jugendlichen haben eine etwas oder sehr negative Einstellung zu Menschen, die der jüdischen Religion angehören. Das geht aus einer vor wenigen Wochen präsentierten ­Wiener Untersuchung hervor. (https://www.wien.gv.at/freizeit/bildungjugend/pdf/studie-1.pdf)

Bei muslimischen Jugendlichen ist der Antisemitismus signifikant stärker zu beobachten als bei Jugendlichen mit christlichem Hintergrund. Fast die Hälfte der Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund (47%) wertet Juden und Jüdinnen sehr stark oder stark ab. 27% der Jugendlichen mit christlich-orthodoxem Hintergrund haben antisemitische Einstellungen.

Einzig bei Jugendlichen mit katholischer Religionszugehörigkeit ist dieser Wert relativ niedrig: er liegt bei 7%.

Jane S. Gerber von der City University New York wies daraufhin, dass die angeblich jüdisch-muslimische Symbiose ein Mythos ist, der von deutschen Juden im 19. Jahrhundert in die Welt gesetzt wurde, um den Antisemitismus in Deutschland zu bekämpfen. Dan Michman von der Bar Ilan-Universität und von Yad Vashem widerlegte die Behauptung von Ministerpräsident Benjamin ­Netanjahu, der Mufti Hadj Emin el-Husseini hätte Hitler dazu bewegt, die Shoah durchzuführen.

Esther Webman von der Universität Tel Aviv, Autorin (mit dem gleichfalls anwesenden Meir ­Litvak) des bahnbrechenden Buches From Emphathy to Denial, Arab responses to the ­Holocaust sieht im arabischen bzw. muslimischen Antisemitismus „eine Symbiose aus islamischen, antijüdischen Konzepten mit europäischen, ökonomischen, christlichen antisemitischen Motiven. Es regiert hauptsächlich die Wahrnehmung von Israel und den Juden als mächtige Einheit, die die Welt, die westlichen Medien, die Wirtschaft und die Globalisierung kontrolliert“.

Matthias Küntzel aus Hamburg referierte über die Nazipropaganda im Nahen Osten und deren Nachwirkungen. Er sagte mir im Gespräch folgendes: „Nirgendwo anders gibt es einen solch gefährlichen Antisemitismus wie in der muslimischen und speziell in der arabischen Welt sowie in der iranischen Szenerie. Mein besonderer Forschungsansatz ist die Frage, woher dieser Antisemitismus kommt. Baut er auf dem christlichen Antisemitismus auf, dass Juden so mächtig wären, weil sie sogar Gottes einzigen Sohn töten konnten, die Pest nach Europa brachten, überall die Revolutionen und Kriege verursachen würden? Wie kam dieser Grundgedanke, der in den frühen Schriften des Islams nicht verankert war, in die muslimisch-arabische Welt? Spielt da die Politik der Nationalsozialisten zwischen 1937 und 1945 nicht eine ganz zentrale Rolle?“ 

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