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Explosive Sujets

Das 34. Internationale Filmfestival in Jerusalem

Die Realität des Nahostkonflikts wird Kino-Enthusiasten aus aller Welt fast jeden Sommer in Jerusalem mit Terror und veritablen Kriegen vor Augen geführt. Diesmal gab es gleich am ersten Tag des 34. Festivals (13. bis 23.Juli 2017) einen bewaffneten und tödlichen arabischen Anschlag auf eine Gruppe von israelischen Grenzpolizisten, ausgerechnet am für Juden und Muslime höchstheiligen Tempelberg (oder Haram-a-Sharif) in der Jerusalemer Altstadt. Dieser Überfall und israelische Reaktionen eskalierten in den zehn Festivaltagen zu einer bedrohlichen Krise zwischen Israel und der muslimischen Welt.

Dass Filme helfen sollen, die Wirklichkeit zu vergessen, ist eine Binsenweisheit. Während also die der Cinemathek unmittelbar gegenüberliegende arabische Altstadt zum explosionsreifen Pulverfass wurde, versenkten sich Besucher des Filmfestivals genüsslich in die Welt der flimmernden Illusionen.

Da wurden 200 Spiel-, Dokumentar-, Kurz-und Animationsfilme aus 50 Ländern, einschließlich Israel, geboten, aus Europa sowie aus Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas. Dieses Jahr waren gleich drei ­österreichische Koproduktionen im Programm. 

In der Dokumentation Cinema Futures des österreichischen Filmemachers Michael Palm geht es um die Zukunft des Films in einer Zeit, in der die „digitale Revolution“ auch das Kino erreicht hat. In dem Animationsdrama Teheran Tabu von Ali Soozandeh geht es um drei selbstbewusste Frauen und einen jungen Musiker, deren Lebenswege sich in der schizophrenen Welt der iranischen Hauptstadt Teheran kreuzen. In Western von Valeska Grisebach macht sich eine Gruppe deutscher Bauarbeiter auf den Weg zu einer Auslandsbaustelle in der bulgarischen Provinz. Dort werden die Männer mit ihren Vorurteilen und ihrem Misstrauen konfrontiert.

An den zehn warmen Abenden trafen sich einheimische und ausländische Regisseure, Produzenten, Schauspieler, Filmstudenten, Kritiker und Zuschauer auf dem Rasen der Cinemathek bei Häppchen und Wein. Da wurde gelobt, kritisiert und debattiert, sorglos wie eh und je. Der Charme des Sommerfestes liegt in seiner Intimität und der freundschaftlichen Atmosphäre, in der sich Prominente mit Filmfans ganz locker treffen können.

In israelischen Produktionen offenbart sich immer wieder ein faszinierendes Land, das nicht genau den durch TV-Berichterstattung entstandenen Klischees entspricht. Einheimische Produzenten haben eine weitverzweigte Industrie geschaffen, die vom Output der 15 hochqualifizierten Filmschulen profitiert. Die durch das politische Klima, die reale oder befürchtete Zensur und die relativ bescheidene Filmförderung motivierte Abwanderung von Filmleuten nach Los Angeles, London oder Berlin ist spürbar, aber noch nicht kritisch. 

Zu innerisraelischen Wettbewerben traten sieben neue Spielfilme, 13 Dokus und 20 Kurzfilme an. Einheimische Filmmacher sind gespalten. Spielfilmer bemühen sich, der Welt das normale Israel zu zeigen: ein multikulturelles Land mit religiösen, sozialen und ethischen Spannungen. Dokumentarfilmer machen es sich zur Aufgabe, ihrer Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Was der zeigt, ist manchmal so schockierend, dass Superpatrioten sich wünschten, die Schande würde nicht publik.

In diese Sparte gehört der Dokumentarfilm Born in Deir Yassin von Neta Shoshani. Das arabische Dorf Deir Yassin bei Jerusalem war seit 1948 ein Mythos. Dass bei der Eroberung ein Massaker stattgefunden hatte, begangen von vorstaatlichen jüdischen Untergrundkämpfern, war bekannt. Geheim blieben Motive, Zahlen, Methoden und Fotos, die in Archiven unter Verschluss liegen. Deir Yassin erlebte eine seltsame Metamorphose: Das auf seinen Ruinen errichtete psychiatrische Krankenhaus heißt seit 1951 ganz harmlos Givat Shaul.

Durch zehnjährige Recherche gelang es Neta Shoshani, die Geheimnisse der Gründer-Generation zu lüften. Erstmals reden die greisen Täter, die Shoshani noch aufspüren konnte. Was sie vor laufender Kamera stolz berichten, ist viel grauenhafter, als Fotos es hätten sein können. Durch ihre Aussagen wird das komplette israelische Narrativ der Eroberung arabischer Dörfer und der „Flucht“ ihrer Bewohner freigelegt. Die Ideologie im Befreiungskrieg sei eben anders gewesen – ihr habe man die Gründung des Staates Israel zu verdanken, argumentieren die Greise. „Israel wurde in Sünde geboren“, lautete das traurige Resümee der Enkel-Generation nach der Premiere.

Die Spielfilme waren unpolitisch. Als herausragend erwiesen sich mindestens drei. Die israelisch-deutsche Koproduktion Der Kuchenmacher von Ofir Raul Graizer erzählt eine komplizierte Liebesgeschichte zwischen Berlin und Jerusalem auf sensible, intelligente und ästhetische Weise. Veronica Kedar inszeniert in Family die Dekonstruktion des israelischen Familien-Kults als satirischen Horrorfilm. Das ist keine leichte Kost, ebenso wenig wie Zweifelhaft von Eliran Elya. Dieses Drama um die Rehabilitierung einer Gruppe von „gefährdeten Jugendlichen“ (die Statistik zählt ca. 400 000) beruht auf einer wahren Geschichte.

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