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Einmal zur Armee und wieder zurück

Vom GPS bis zur Konserve: Viele Konsumgüter wurden von Militärs erfunden. Auch Israels Armee war eine Brutstätte der Innovation. Doch jetzt soll sie sparen und kauft Technologien am zivilen Markt. Ein globaler Trend?

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er Israels nächste Multimillionäre kennenlernen will, muss nur eine Armeebasis nördlich von Tel Aviv aufsuchen. Hier schlafen sie im Augenblick noch zu viert oder zu sechst in kleinen Zimmern in der Kaserne mit Meeresblick, Heimat der legendären Einheit 8200. Für einen Sold von monatlich rund 200 Euro erfinden die Rekruten der Einheit für elektronische Kriegsführung hier Tag für Tag neue Algorithmen und Technologien. Nach ihrer Entlassung verwandeln sie ihr Wissen im Zivilleben dann in pures Gold. 

Absolventen von Einheit 8200 haben in den vergangenen Jahren geschätzt mehr als 1.000 Firmen gegründet. Ihre bahnbrechenden Erfindungen brachten Milliarden ein. Doch diese altehrwürdige Praktik – militärisches Knowhow in zivile Patente zu verwandeln – kehrt sich langsam um: Geldnot zwingt Israels Armee umzudenken. Damit wird sie zum Paradebeispiel eines weltweiten Paradigmenwandels: In einer Zeit, in der Forschungsbudgets von Giganten wie Google oder Microsoft die Verteidigungshaushalte vieler Staaten in den Schatten stellen, sind Militärs gezwungen, von der zivilen Wirtschaft zu lernen statt eigene Technologien zu entwickeln. Bei diesem Trend will Israel wieder eine Vorreiterrolle spielen. 

Dabei funktionierte es Jahrhunderte so: Staaten gaben Unsummen aus, um ihrem Militär einen technologischen Vorteil zu verschaffen. Vom GPS, dass die USA eigentlich für ihre Soldaten entwickelten, über Radartechnologie und die Mikrowelle, über Nylonstrümpfe, Konserven, Klebeband, der Tampon, Armbanduhren und unzählige andere Dinge wurden eigentlich erfunden, um auf dem Schlachtfeld den Sieg zu erringen. Erst später fand man für sie auch zivile Anwendungen. Ähnliches lag bislang in Israels anhaltender Hochkonjunktur zugrunde. Dank der besonderen Ausbildung, die Soldaten bei Einheit 8200 erhalten, und den Kniffen, die sie hier auf Kosten des israelischen Verteidigungsetats entwickelten, boomt die Wirtschaft. Geschäfte der vergangenen drei Jahre zeigen das: Facebook verleibte sich Onavo für 150 Millionen Euro ein, Microsoft erstand Adallom für mehr als 300 Millionen Euro, Google ließ sich die Navigations-App Waze sogar mehr als eine Milliarde kosten – alles Firmen, die von ehemaligen Soldaten von Einheit 8200 aufgebaut wurden. 

Kein Wunder also, dass die Einheit als einer der stärksten Motoren von Israels erstaunlich erfolgreicher Hightech Industrie gilt. Kein Land, außer den USA und China, ist mit mehr Firmen am NASDAQ vertreten, keines hat pro Kopf mehr Wissenschaftler und Ingenieure, oder zieht mehr Risikokapital an als der Judenstaat, dessen rund acht Millionen Einwohner auf einer Fläche leben, die so groß ist wie Hessen. 

Doch das könnte sich nun ändern. Israels Armee steht angesichts der Unruhen in der Region vor immer größeren Herausforderungen. Doch ihr Budget wächst nicht so schnell wie die Herausforderungen. Deshalb müssen die Militärs sparen, dabei aber dennoch Israels technologischen Vorteil erhalten. Wie das funktionieren soll,  demonstriert eine Armeebasis östlich von Tel Aviv. Den Kasernen sieht man sofort an, dass an allen Ecken und Enden gespart wird. Soldaten hausen hier in brüchigen Baracken aus der britischen Mandatszeit vor 70 Jahren. Wellblechdächer geben nur dürftigen Schutz vor der brühenden Hitze. Kaum kann man sich einen Weg durch die schmalen, dunklen Korridore bahnen, in denen Kisten und Schränke herumstehen. Dennoch hat die kleine Einheit des Computerkommandos der israelischen Armee am Ende eines langen, düsteren Ganges eine große Aufgabe: „Wir müssen Israels technologische Überlegenheit bewahren“, sagt Major Rotem Baschi, Leiter der Programmierabteilung...

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