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Eine Generation verlässt uns...

In einem relativ kurzen Zeitraum sind drei Menschen von uns gegangen, die zwar in ihren

Persönlichkeiten sehr verschieden waren, aber doch einiges gemeinsam hatten. Sie mussten

alle schon als Kinder ihre gewohnte Umgebung, ihre Familie und ihre Freunde verlassen und fanden,

verbunden mit viel Schmerz und Entbehrungen, in Israel eine neue Heimat.

Ari Rath 1925 – 2017

Mit Ari Rath verband mich eine jahrzehntelange Freundschaft. Ari war ein Mensch, der es vortrefflich verstand, sich auf andere einzulassen. Ein Gespräch mit ihm war immer auch ein Austausch von Gedanken und nicht, wie es heute immer üblicher wird, ein Monolog eigener Erfahrungen. 

Eine Begegnung mit ihm war nicht nur intellektuell eine Bereicherung – er strahlte  stets auch sehr viel Mitgefühl und Interesse aus. Persönlich machte ich öfters die Erfahrung, dass er, wenn es wirklich darauf  ankam, in aufopfernder Weise seinen Freunden half. Viele Jahre war Aris Verhältnis zu Österreich sehr distanziert. Erst durch die Affäre ­Waldheim und die in Österreich beginnende, aufklärende Diskussion über die Nazizeit, konnte er sich seinem Geburtsland annähern. 2005 nahm er nach langem Zögern und auf Drängen Leo Lusters die österreichische Staatsbürgerschaft an. 

Ari Rath war es gelungen in der israelischen Politik eine wichtige Position einzunehmen. Seit 1958 arbeitete er für die englischsprachige israelische Zeitung Jerusalem Post, deren Chefredakteur er von 1975 bis 1989 war und somit einer der wichtigsten Chronisten der israelischen Geschichte. Als junger Mann hatte er im Umfeld von David Ben-Gurion und Teddy Kollek am Aufbau des Staates mitgewirkt. Als Vertreter zionistischer Organisationen knüpfte er sehr erfolgreich Kontakte in New York. Österreich ehrte ihn mit zahlreichen Preisen, wie z.B. 2006 mit dem Goldene Verdienstzeichen der Stadt Wien und 2011 mit dem Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Sein phänomenales Gedächtnis war beeindruckend  und beneidenswert. Auch im hohen Alter erinnerte er sich sehr gut an alle vergangenen Begegnungen. Aus diesem Grund konnte er auch in seinen Memoiren Ari heißt Löwe, die im Jahre 2012 erschienen sind, detailliert über sein Leben und politisches Wirken erzählen. Ari war stets aktiv, präsent und bei wichtigen Ereignissen immer anwesend. Er besuchte Schulen, gab Interviews und nahm auch an diversen Filmproduktionen teil. Ein Höhepunkt dieser Aktivitäten war 2013 sein Auftritt im Burgtheater in dem Zeitzeugenprojekt von Doron Rabinovici und Mathias Hartmann Die letzten Zeugen. Diese Produktion wurde 2014 zum Berliner Theatertreffen, in das Staatsschauspiel Dresden, in das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, sowie 2015 in das Schauspiel Frankfurt eingeladen. In den letzten Jahren wurde Wien auch zu Aris ständigem Wohnort, wo er sich im Maimonides-Zentrum sehr wohl fühlte. Stets umgeben von seinen Freunden, gelang es ihm auch vortrefflich, immer neue Kontakte zu knüpfen. 

Er wurde in Israel im Kibbutz Giv‘at Ha‘Shlosha in der Nähe seines über alles geliebten Bruder Meshulam begraben. Viele Freunde und Mitstreiter aus allen Teilen der Welt waren gekommen, um Ari die letzte Ehre zu erweisen. Auch Nationalratspräsidentin Doris Bures nahm am Begräbnis in Israel teil. Die Nationalratspräsidentin bezeichnete Ari Rath in ihrer Trauerrede als einen „Brückenbauer“ zwischen Generationen, Staaten und Gruppen. Als jemanden, der aus tiefer Überzeugung für den Frieden eingetreten ist. Als steten Mahner gegen Rassismus, Antisemitismus und Gewalt. Eine sehr beindruckende Trauerfeier im Akademietheater in Wien würdigte seine vielfältige Persönlichkeit.

Alle, die ihn kannten und schätzten, werden ihn sehr vermissen und nie vergessen.

Leo Luster 1927 – 2017

Persönlich lernte ich Leo Luster relativ spät kennen, obzwar mir er und seine Tätigkeit schon länger ein Begriff war. Zu dem Buch Trotz allem... Aron Menczer und die Jugendalijah, das 2013 in der INW-Edition erschien, trug er wertvolle Informationen bei, fand er doch selbst nach der Machtergreifung Hitlers in dieser Jugendorgansiation eine geborgene Zuflucht. Anlässlich unserer Recherchen vertiefte sich unsere Beziehung und ich bewunderte seine Ausdauer und seinen Einsatz um die Wahrung der Interessen der österreichischen Juden weltweit aber natürlich besonders in Israel. 

Nach seiner Pensionierung – Leo Luster hatte viele Jahre als Chauffeur des österreichischen Botschafters gearbeitet – widmete sich mit voller Kraft der Unterstützung der Überlebenden aus Österreich. Seit 1992, nachdem das Washingtoner Abkommen Österreich zu Wiedergutmachungszahlungen an Holocaustüberlebende verpflichtet hat, setzte er sich ehrenamtlich beharrlich für Gerechtigkeit für die in Israel lebenden österreichischen Holocaustopfer ein. Gemeinsam mit Dr. ­Gideon Eckhaus arbeitete er im Zentralkomitee der Juden aus Österreich in Israel und Vereinigung der Pensionisten aus Österreich in Israel. Die Klubräume sind seit vielen Jahren für die aus Österreich stammenden Überlebenden ein wichtiger Ort der Begegnung und der Hilfe bei bürokratischen Hürden. Leo Luster war für die österreichischen Pensionisten in Israel stets eine wichtige Brücke zu österreichischen Institutionen; dank seiner tatkräftigen und beharrlichen Unterstützung konnten betagte und bedürftige Überlebende Pensionen und Pflegegeld aus Österreich erhalten. Bewundernswert war seine Energie, die ihm trotz seiner schmerzvollen Vergangenheit erhalten geblieben ist. Für den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus war Leo Luster ein unverzichtbarer und verlässlicher Wegbegleiter, ohne den es kaum möglich gewesen wäre, so viele Überlebende in Israel zu erreichen und zu unterstützen.

Als 11jähriger war Leo Luster selbst Zeuge der Gewalttaten der Nationalsozialisten und  wurde 1942 aus dem Sammellager in der Sperlgasse mit seinen Eltern zuerst nach Theresienstadt und im Jahre 1944 mit seinem Vater nach Auschwitz deportiert. Moses Luster wurde dort ermordet. Leo Luster hat nach dem Krieg seine Mutter wieder gefunden und emigrierte mit ihr nach Israel, wo er am Aufbau des Landes mitarbeitete. 

Unter dem Titel Ein unermüdlicher Kämpfer erschien in der INW im Juli 2016 auch ein langes Interview mit ihm, das Susanne Höhne führte. Sie war es auch, die eine sehr eindrucksvolle Trauerfeier im Nestroyhof Hamakom organisierte, an der sein Sohn und seine Tochter, sowie noch lebende Weggefährten und zahlreiche, prominente Gäste teilnahmen.

Eine sehr berührende Würdigung dieses unbeirrbaren Menschen.

David Rubinger 1924 – 2017

David Dietrich Rubinger kam 1924 in Wien zur Welt. Nach dem Anschluss wurde sein Vater nach Dachau deportiert. 1939 gelang Rubinger mit einer zionistischen Jugendorganisation die Ausreise nach Palästina. Seine Mutter wurde in einem weißrussischen Konzentrationslager ermordet, sein Vater konnte fliehen. 

In Palästina lebte Rubinger zwei Jahre in einem Kibbuz im Jordantal, bis er sich 1942 als Freiwilliger in den Dienst der jüdischen Brigade der britischen Armee stellte. Er diente in Nordafrika und in Europa. In Paris schenkte ihm eine Freundin seine erste Kamera – eine Geschenk, das sein Leben veränderte. Er entdeckte seine Leidenschaft für Fotografie. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte ­Rubinger 1946 nach Palästina zurück. Sein erstes professionelles Foto entstand 1947 anlässlich des Plans der Vereinten Nationen, Palästina zugunsten eines eigenen jüdischen Staates zu teilen: Rubinger fotografierte damals jüdische Jugendliche, die auf einen britischen Panzer kletterten, um dieses Ereignis zu feiern.

David Rubingers Biografie trotzte allen Wahrscheinlichkeiten: Nachdem er dem Holocaust knapp entkommen war, stand er insgesamt „zehn Kriege und unzählige heikle Situationen völlig unversehrt“ durch, sinnierte er als Israels berühmtester Fotograf in seiner Autobiografie. Doch Rubinger erlebte nicht nur fast alle Kriege seines Landes an vorderster Front mit, auch in Friedenszeiten befand er sich mit seiner Kamera oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Schimon Peres bezeichnete ihn als „Fotograf unserer Nation“. Rubinger fand dank seines Charmes bei den Politikern Israels stets offene Türen, sodass er auch sehr persönliche Augenblicke mit seiner Kamera festhalten konnte. In der Knesset, dem Parlamentsgebäude, hängen an einer prominenten Wand zahlreiche Porträts, die Rubinger von allen Berühmtheiten der Ersten Stunde gemacht hat: David Ben Gurion, Mosche Dayan, Golda Meir, Abba Eban, u.a.

2004 erlitt David Rubinger den eigentlichen Schock seines Lebens. Nach dem Tod seiner Frau, mit der 50 Jahre verheiratet war, fand er eine neue Lebensgefährtin, die vom Gärtner seines Hauses ermordet wurde. Diese Krise überstand er nur mit Hilfe von Ruth Corman, die ihn überzeugte, mit ihr gemeinsam ein Buch über sein Leben zu veröffentlichen. Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, dieses interessante und mit vielen seiner Fotographien versehene Werk, 2010 im Jüdischen Museum in Wien zu präsentieren. Sein Charme, seine ungebrochene Vitalität und seine Begeisterungsfähigkeiten waren überwältigend. Per Facebook gratulierten wir uns regelmäßig zu unseren Geburtstagen, die nur einen Tag auseinanderlagen. David Rubinger hinterließ zwei Kinder, fünf Enkel, zwei Großenkel, und mehr als eine halbe Million Fotos.

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