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Das Kaffeehaus im KZ

Simon Wiesenthals geheime Baupläne

Das ist die berührende Geschichte einer Freundschaft zweier Männer, die einander im Schatten des Todes begegnet sind. Der eine rettete das Leben des anderen, indem er – unter Einsatz seines eigenen Lebens – im Konzentrationslager dessen Identität verfälschte. Dafür schenkte der andere, ein gelernter Architekt, seinem Lebensretter die Baupläne für ein Kaffeehaus – das dieser nach der erhofften Befreiung eröffnen wollte. Der Architekt war kein Geringerer als Simon Wiesenthal. Seine in Mauthausen gezeichneten Baupläne wurden mir siebzig Jahre später als wahrhaft historische Fundstücke zugespielt.

Simon Wiesenthal und der aus der polnischen Stadt Posen (heute Poznan) stammende katholische Kaufmann Edmund Staniszewski lernten einander im Todeslager Mauthausen kennen. Beide waren etwa gleich alt, ausgebildete Ingenieure, und sie freundeten sich im Konzentrationslager an. Edmund Staniszewski war im Oktober 1939 in Posen verhaftet worden, als er sich im Gespräch mit einem Bekannten abfällig über das Naziregime äußerte. Gestapo-Männer, die ihn abgehört hatten, lieferten ihn als politischen Häftling mit der Nummer 156 nach Mauthausen ein.

Simon Wiesenthal, der insgesamt zwölf Arbeits- und Konzentrationslager überlebt hat, gelangte erst fünf Jahre später, am 9. Februar 1945, nach Mauthausen, wo er die letzten drei Monate bis zur Befreiung durch die Amerikaner verbrachte. Mir liegt ein Brief Wiesenthals vom 12. November 1960 vor, in dem er selbst darauf hinweist, dass ­Edmund Staniszewski sein Leben gerettet hat. „Mein lieber Edziu!“ (für Edmund), schreibt der später weltberühmte Nazijäger (auf Polnisch). „Ich habe Deinen Brief erhalten. Du hast keine Ahnung wie ich mich gefreut habe … Ich habe mich nach dem Krieg viele Jahre mit der Verfolgung von Kriegsverbrechern beschäftigt, und viele von ihnen haben wir verhaftet. (…) Ich weiß, dass ich Dir mein Leben verdanke. Dank Deinem Adel des Herzens und Deiner kollegialen Hilfe. (…) Ohne Deine Hilfe, bin ich sicher, wäre ich durch die Gaskammer gegangen. Als ich Deinen Brief erhalten habe, habe ich ihn meiner Frau und meiner Tochter gezeigt. Das ist ein Brief von einem edelmütigen Menschen, dem ich mein Leben verdanke.

Bitte schreibe etwas über Dich, hast Du Söhne oder Töchter und in welchem Alter.(…) Ich bitte Dich, schreibe mir, wenn euch etwas fehlt. Es wäre für mich eine große Freude, wenn ich euch irgendwie einen Dienst erweisen könnte. Lieber Edi, bitte bleiben wir in Kontakt, ich grüße und küsse Dich herzlich, auch Deine Frau und Kinder, Dein Simon.“

Edmund Staniszewski ist 1984 im Alter von 75 Jahren verstorben, aber ich erreichte seine Witwe Izabela im Herbst 2015 in Posen, wo sie im Alter von 91 Jahren lebte. „Hat Ihr Mann Ihnen erzählt, wie er Wiesenthal retten konnte?“

„Ja“, sagte sie, „mein Mann hatte in Mauthausen die Aufgabe, der Lagerleitung jeden Tag die Nummern der kranken und verstorbenen Insassen zu melden. Er hat Wiesenthal gerettet, als er ihm die Nummer eines verstorbenen Häftlings gab, wodurch die Lagerleitung nicht wusste, dass Wiesenthal noch am Leben war. Er hätte als polnischer Jude wohl kaum überlebt.“

Edmund Staniszewskis Witwe erklärte mir auch, wie es zu den im Konzentrationslager entstandenen Kaffeehaus-Plänen des Architekten ­Simon Wiesenthal gekommen ist: „Eines Tages fragte Wiesenthal meinen Mann im Lager: ,Was wirst du machen, wenn wir das hier überleben sollten?’ Da hat mein Mann geantwortet: ,Mein Traum ist es, ein großes Kaffeehaus mit Milchbar und einem Spielclub zu eröffnen.’ ,Besorge mir Papier und Bleistift’, erwiderte Wiesenthal, ,ich werde dir die Pläne für dein Lokal zeichnen.’“

Edmund Staniszewski bekam von einem Häftling, der im Büro der Lagerleitung arbeitete, Papier und Stifte, mit denen Wiesenthal dann das Café entwarf. „Simon Wiesenthal war froh“, erzählte mir Frau Staniszewski, „in der schrecklichen Atmosphäre des Lagers einer vernünftigen Arbeit nachgehen zu können.“ Das Kaffeehaus war exakt für ein tatsächlich existierendes dreistöckiges Eckhaus in Posen konzipiert, das Edmund Staniszewskis Familie gehörte.

Nach seiner Freilassung aus Mauthausen hat Staniszewski seiner Frau und seinen Kindern von den Begegnungen mit Wiesenthal erzählt, und ihnen die Skizzen für das Kaffeehaus gezeigt. „Gerne hat er nicht darüber gesprochen, weil es schreckliche Erinnerungen waren.“

Iwona und Gerhard Svoboda, die in Wien lebende Tochter Staniszewskis und ihr Mann, überreichten mir die von Wiesenthal minutiös gezeichneten Pläne des Cafés, die auf mehr als 80 Seiten auf grobem Lagerpapier dokumentiert sind. Wiesenthal entwarf zahlreiche Details, darunter die Innen- und Außenansichten des Lokals, Tische und Sessel, aber auch die Uniformen der Serviererinnen, des Kochs und des Zigarrenverkäufers. Der Architekt zeichnete auch eine Uhr für das Lokal und sogar die Einladungskarten zur Eröffnung. Dabei wurde berücksichtigt, dass Staniszewski bereits den Namen seines Spiel- und Kaffeehauses wusste: Es sollte „As“ (benannt nach der Spielkarte „Ass“) heißen.

Dass Simon Wiesenthal in Mauthausen, dem größten Arbeits- und Vernichtungslager auf österreichischem Boden, so viele präzise Zeichnungen anfertigen konnte, lag wohl daran, dass in dem KZ in den letzten Wochen der Naziherrschaft bereits ein derartiges Chaos herrschte, dass die Häftlinge kaum noch ihrer Schwerstarbeit am Steinbruch nachgingen. Nur so ist zu erklären, dass Wiesenthal – auf weniger als 50 Kilogramm abgemagert – die Kraft und die Zeit fand, die Skizzen anzufertigen, die seinem schrecklichen Leben in Haft doch noch Sinn geben konnten. Es gibt auch weitere Zeichnungen, mit denen Wiesenthal die Atmosphäre im Konzentrationslager Mauthausen festhielt.

Das Kaffeehaus nach den Vorstellungen Wiesenthals ist nie realisiert worden, da ­Staniszewskis Haus in Posen von den Kommunisten konfisziert wurde. Aber die Pläne blieben als Beweis einer Freundschaft zweier Männer, die gemeinsam durch die Hölle gegangen sind, erhalten.

Die beiden verloren einander nach ihrer Befreiung im Jahr 1945 zunächst aus den Augen. Edmund Staniszewski ging zurück nach Posen und heiratete Izabela, die ihm eine Tochter und zwei Söhne schenkte, Wiesenthal zog mit Ehefrau Cyla und Tochter Paulinka nach Linz und später nach Wien. Die Freunde fanden einander 1960 wieder, „und von da an blieben sie, solange mein Mann lebte, in Kontakt“, erzählte Staniszewskis Witwe. „Immer wenn er in den Westen reisen konnte, hat er Simon getroffen.“

Das nach dem Krieg von den Kommunisten enteignete Haus in Posen wurde 1994 – nach dem Zusammenbruch des Ostblocks – an die frühere Besitzerfamilie restituiert. Zu spät für Edmund Staniszewski, der zehn Jahre davor verstorben war. An der Stelle, an der das Kaffeehaus nach Wiesenthals Plänen hätte entstehen sollen, befindet sich heute ein Supermarkt.

Georg Markus: Fundstücke. Meine Entdeckungsreisen in die Geschichte,
Amalthea Verlag, Wien 2017, 280 Seiten, 25 Euro, E-Book 17,99 Euro.

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