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An den Flüssen Babylons... (Psalm 137)

Der UNO-Beschluss vom 29. November 1947 beendete vor allem die Mandatsherrschaft von Großbritannien über Palästina, die auf den Sieg der Alliierten im Ersten Weltkrieg zurückging, als der Nahe Osten zwischen den Siegermächten aufgeteilt wurde.

Ab 1917 war Palästina der englischen Krone zugesprochen worden. Der größte Tag für die Juden in Palästina – ich würde sagen auf der ganzen Welt – war der 15. Mai 1948: an diesem Tag sollte der jüdische Staat ausgerufen werden. Die britische Armee holte schon am 14. Mai ihre Fahnen ein und verabschiedete sich mit Militärparaden vom Heiligen Land – nach über 30 Jahren. Die Juden bereiteten sich auf den wichtigsten Tag vor (Seit dem Fall Jerusalems unter Titus im Jahr 70 der Zeitrechnung.) und jubelten. 

Am 15. Mai 1948 fand im Museum von Tel Aviv eine öffentliche Sitzung der provisorischen Regierung statt und David Ben Gurion, provisorischer Ministerpräsident, erhob sich und sprach: „In Erez Israel steht das jüdische Volk auf und dieses Land wird ab nun ‚Medinat Israel – Staat Israel‘ heißen.“ Der Jubel im Saal und überall in Stadt und Land war euphorisch und nahm kein Ende, obwohl der neue Staat bereits im Morgengrauen von Kriegsschiffen, die sich Tel Aviv zum Ziel gemacht hatten, angegriffen worden war. Die Geburt des jüdischen Staates nach 2.000 Jahren begann mit einem Krieg.

Der UNO-Beschluss vom 29. November 1947 hatte die arabische Welt in Aufruhr versetzt. Die blutige Reaktion war sofort im ganzen Land zu fühlen. Scharfschützen stiegen auf die Minarette und beschossen Tag und Nacht die jüdische Stadtbevölkerung. Am Land waren besonders die Kibbuzim in ständiger Gefahr. Die Juden hatten zur Abwehr nur wenige Waffen und kaum Munition, weil ihnen die Mandatsmacht deren Besitz untersagte und alles illegal und teuer beschafft werden musste. Andererseits verließen bei Ausbruch des Krieges fast alle Araber das Land: Die Regierungen, die sich von Algerien bis Irak zusammenschlossen, um Israel zu vernichten, hatten sie aufgefordert, alles stehen und liegen zu lassen und den Kriegsschauplatz zu verlassen, denn in ein paar Tagen würden die Juden ausgelöscht werden und dann würden sie zurückkehren können und alles würde im ganzen Land nur mehr ihnen gehören. 

Die sechs Länder, die im Morgengrauen des Tages der Geburt von Israel ihre Schiffe ausschickten, um Tel Aviv zu beschießen, sollten für die palästinensischen Araber ein Zeichen sein. In der Tat verließen etwa 700.000 Männer, Frauen und Kinder das Land. Zurück blieben nur die Christen in ihren Dörfern, ebenso die Kurden im Norden, die sehr pro-israelisch waren und sogar in unserer Armee dienten. In allen arabischen Ländern, die sich zur Vertreibung der Juden zusammengeschlossen hatten, begann die wilde und grausame Jagd, um sie alle aus diesen Ländern am Mittelmeer und in Vorderasien zu vertreiben, wo sie seit mehr als 2.000 Jahren lebten.

Auch ohne einen biblischen Exkurs machen zu wollen, muss erwähnt werden, dass das Judentum vor etwa 6000 Jahren in Mesopotamien entstanden war. Dort lebte unser Stammvater Abraham, der dann auf Geheiß Gottes mit seiner Familie, mit seinem Neffen Lot und mit seinen Herden den Jordan überschritt, um sich in Erez Israel niederzulassen und dort das Judentum zu begründen und zu verbreiten. Viele Jahrtausende später eroberte der babylonische König Nebukadnezar im Jahr 587 vor der Zeitrechnung das Heilige Land, zerstörte den Tempel in Jerusalem und verschleppte die Juden, zurück nach Mesopotamien, von wo Abraham einst ausgezogen war. Dort saßen sie dann an den Flüssen Babylons und weinten mit großer Sehnsucht nach Zion, bis sie 70 Jahre später von einem neuen Herrscher, dem aufstrebenden persischen König Kyros II., befreit wurden und in ihr Land zurückkehrten.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde Babylonien ein wichtiges jüdisches Zentrum, und nach dem endgültigen Fall Jerusalems im Jahr 70 der Zeitrechnung unter dem römischen Kaiser Titus wurde es auch zum religiösen und geistigen Mittelpunkt des Judentums weltweit. Alle religiösen Anweisungen gingen von den Rabbinatssitzen in Sura und Pumbedita aus. Die größten Rabbiner und Gelehrten unterwiesen von dort das Judentum rund um den Erdball, bis der größte jüdische Gelehrte Spaniens Chasdai ibn Schaprut im 10. Jahrhundert eine Akademie gründete, um die jüdischen Gelehrten so auszubilden, dass sie sich vom Orient freimachen konnten, um das europäische Judentum zu emanzipieren. Der Orient aber war stark und sehr lebendig, im Zentrum einer großen und reichen jüdischen Gemeinschaft – Jahrtausende lang. 

All das wurde plötzlich gnadenlos und total durch den Islam zerstört, als die Juden ihre angestammte Heimat zurückbekamen. Mit Hass, Wut und Unmenschlichkeit wurden die orientalischen Juden aus den Ländern verjagt, in denen sie so lange gelebt haben und die ihr Zuhause waren. Von einem Tag auf den anderen mussten sie um ihr Leben fliehen, effektiv ohne nichts als das, was sie am Leibe trugen. Mit dieser unmenschlichen Barbarei beginnt die Geschichte des wiedererstandenen jüdischen Staates.

Der einzige Ausweg der Vertriebenen war die Flucht nach Israel. Das junge Land, in einem schweren Krieg um Sein oder Nichtsein mit kaum einer halben Million jüdischer Einwohner, musste plötzlich etwa eine Million total mittelloser Flüchtlinge aufnehmen, die nur Arabisch sprachen und sich zunächst mit ihren Rettern nicht einmal verständigen konnten. An den Stränden des Heiligen Landes saßen sie nun in Zion und weinten in Erinnerung an Babylon, das sie unter Zwang verlassen mussten und nie wieder sehen würden…

Die unerwartete Ankunft der Juden aus den islamischen Ländern im kaum errichteten jüdischen Staat, der mit Ägypten und den vorderasiatischen Ländern in bitterem Krieg stand, musste bewältigt werden, um die Flüchtlinge soweit es ging ordentlich unterzubringen. Man versuchte, die Sprachbarrieren zu überwinden, und dank ihres großen Talentes eigneten sich die meisten die Sprache, die sie als gläubige Juden von den Gebetbüchern und der Thora gut kannten, sehr rasch an. Sie waren glücklich im Heiligen Land, obwohl sie nichts mehr besaßen und rund um sie Krieg war. Die Liebe zum Land spornte sie an, wie und wo sie konnten, ihre Pflicht zu erfüllen. Als der Krieg vorübergehend zu Ende war, wurden sie durch die Atempause motiviert, mit dem Aufbau ihres neuen Lebens zu beginnen. 

Diese Entwicklung gestaltete sich so ruhig, ordentlich und unspektakulär, dass die restlichen Einwohner die Tragödie der Juden aus den arabischen Ländern und ihre Anpassung an ein neues Leben kaum merkten und rasch vergaßen. Sicher, in Erez Israel hatte jeder seine eigenen Sorgen und immer neue Kriege hielten alle auf Trab. Aber man sollte nie vergessen, dass diese Million Juden eine große Katastrophe erst verarbeiten mussten, um ins normale Leben zurückzukehren. Sie gaben aber Israel den absoluten Vorrang, und passten sich still und leise an all das an, was für sie so fremd und oft sonderbar war. Der Wunsch, sich zu integrieren und die Liebe und den Dienst für das Land allem anderen vorzuziehen, war sehr stark. Es war ein großer Gewinn für das Land und ist es nunmehr seit drei Generationen.

Leider hat man dort, wo es heißt, „niemals gibt es bei uns einen faden Augenblick“, die Tragödie der Judenvertreibung aus den umgebenden islamischen Ländern sehr rasch vergessen. Aber der hohe Blutzoll und die Vertreibungen hat das orientalische Judentum stark gemacht in Liebe und Treue zur neuen Heimat Israel, die ihnen einen großen Teil des Aufbaus verdankt.

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